Too Human und die Kameraführung

Klaus Schneider, 24. Juli 2008 21:03 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Too Human gehört zu der Art von Spielen, welche schon vor der Veröffentlichung für Schlagzeilen sorgen – und das weniger im positiven Sinne. Seit gut zehn Jahren ist das Spiel nun schon in Entwicklung (1999 ehemals als PSOne-Titel in Planung) und musste einige unrühmliche Engine-Wechsel (Stichwort: Streitigkeiten mit Epic) über sich ergehen lassen. Doch nach dem vor kurzem getätigten Release der Demo-Version ist allmählich klar, dass das rauhbeinige Action-RPG auch bald bei uns eintreffen wird.

Die Demo zerteilt das Lager zwischen Befürworter und sich Abwendende. Als besonders gewöhnungsbedürftig stellt sich jedoch speziell das autonom sich gebärdende Kamerasystem heraus, das dem Spieler die Regie förmlich aus den Händen reißt. Der Präsident von Silicon Knigths, Denis Dyack, hat sich schon in dem einen oder anderen Interview zu der Partei hinzugesellt, die dem Spieler das Problem der Kameraführung nicht aufbürden will.

Doch so ganz einwandfrei funktioniert das in Too Human jedenfalls nicht. Als Spieler fühlt man sich gewissermaßen entmündigt, und kann sich dieser Fremdkontrolle seitens des Programms nur entziehen, wenn man durch Druck auf einen Button die Kamera hinter sich zentriert. Hier liegt wieder ein Problem offen zutage: Die zwanghafte Annäherung an das Medium Film. Um ein hollywood-reifes Ambiente zu schaffen, muss, so die Meinung mancher Designer, die Kameraposition ungeachtet des vom Spieler ausgehenden Willens einigermaßen fest fixiert und gegebenfalls dynamisch wandlungsfähig sein. Nur so kann ein aus dem Lichtspielhäusern bekanntes Feeling hervorgerufen werden.

Doch wollen wir das überhaupt? Der große Vorteil bei GTA IV z.B. liegt darin, dass man als Spieler selber Regisseur spielen darf. Die Bilder sprechen eine ganz eigene Sprache und jeder erlebt das Spiel durch das eigene, individuell ablaufende Handhaben der Kamera quasi sein persönlich, ihm zugeschnittenes Spiel. Jeder kann Kameramann spielen. Und diese auch in diesen Bereich vordringende Interaktivität ist genau das, was Videospiele auszeichnet. Der Spieler hat es in der Hand. Und dazu gehört meiner Meinung nach auch die Kamera. GTA IV würde viel an Reiz verlieren, wenn man nicht, während einer Autofahrt über die die Inseln überspannenden Brücken, eigenhändig die Skyline genießen könnte. Klar, Too Human befindet sich in einem total anders ausgerichteten Genre. Doch ungeachtet der ansonsten guten Wahrnehmung von der Probeversion, mutet das Kamera-System merkwürdig an. Offenbar wurde zugunsten der Eingängigkeit die Übersicht geopfert.

Trotz allem ist die Kritik, die Too Human stellenweise entgegenschlägt, vielleicht nicht ganz gerechtfertigt. Auch eine eher schlechte Kameraführung kann ein ansonsten gut geartetes Spiel nicht ganzheitlich besudeln. Und Too Human könnte sich, schon allein aufgrund des sehr interessanten Story-Ansatzes, zu solch einem Spiel mausern. Einem Spiel, dem man vieles verzeiht, einfach weil es zu interessant ist, um es wegen derlei sekundären Eigenwilligkeiten abzustrafen.

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