Zeitgerechte Hassobjekte medienübergreifend
Auch die Leiden des jungen Werthers wurden zeitweise zensiert, der Roman wurde als neu auf die Lesewelt herabkommende Gattung mit zweifelnden, vorsichtigen Blicken betastet und als Lügenmaschinerie verunglimpft. Er wurde vor 200 Jahren zutiefst verachtet, heute blüht er auf, und gilt als niveauvoller Zeitvertreib, dem sich jeder, ohne Verabscheuung eintröpfelnde Blicke zu ernten, am Abend seiner wohlverdienten Ruheperiode genüsslich und weidlich hingeben kann.
Die Zeit belehrte die Menschen, welche sich von ihren Engstirnigkeiten nicht emanzipieren konnten. Sollen die Zollbediensteten und Grenzwächter der menschlichen Moral und Ethik ihre in Hass getränkten Keulen schwingen, wenn ein Medium dem Menschentum nicht nachträglich ist, dann wird die kulturelle Evolution ihm seinen Platz in etablierten Kreisen gewähren. Evolutionäre Stränge muten hinsichtlich der Wortwahl hochtrabend an, doch es klingt eben weit moderner und zeitgenössischer, als zu vor Fatalismus triefende Schicksalsgläubigkeiten zu greifen.
Wenn Videospiele auf dem heutigen Niveau verharren, dann haben sie es eben auch nicht verdient. Doch davon ist nicht auszugehen.
Mit Werther wurde der moderne Roman eingeläutet („Daran gewöhnt, vom Autor immer eine klare moralische Wertung des Geschehens mitgeliefert zu bekommen, waren die Leser bei der Einschätzung des Werther ganz auf ihr eigenes Urteil gestellt“ aus: Deutsche Literaturgeschichte, Metzler 1989) Steht dieser Schritt noch aus? Wir müssten mittlerweile so weit gekommen sein, um zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden (abgesehen von einigen unrühmlichen Negativbeispielen), doch wann steht der nächste Schritt an? Steht uns ein „Werther-Wahn“ noch bevor? Zum Glück lassen sich Geschichten von Medien nicht parallel zu anderen Mediengattungen lesen. Ansonsten stünde uns Aberwitziges bevor.
Jedenfalls fügte Goethe, wie ich gerade eben belustigt lesen musste, in der zweiten Auflage seines Erfolgwerks voranstellend hinzu: „Sei ein Mann, und folge mir nicht nach!“. Müsste es heute gerechterweise Spielen vorbehalten sein, folgendes Statement im Voraus zu platzieren: „Sei ein Mann bzw. eine Frau (wir leben ja schließlich in einem geschlechteraufgeklärten Zeitalter) und mache nicht das in der Realität, was du mir in der virtuellen Spielwelt selbst auftragen wirst.“

neuerdings.com
medienlese.com
imgriff.com
fokussiert.com
netzwertig.com
gamgea.com
startwerk.ch
















Artikel per RSS
blogwerk.com
Sonic7
Keine Komentare
Jimbei
Hey, Leute, bitte… ( ^ ^ )” Ich verstehe ja, dass ihr wahrscheinlich Gebildete Leute oder Studierende seid, aber holt doch nicht immer so weit aus. ( ^ ^ )” Ihr könnt es auch sofort auf den Punkt bringen: “Sollten Videospiele zukünftig ernster genommen werden, was den Grad der Beeinflussung der menschlichen Psyche oder seines Handelns angeht?” Einen Comment dazu gebe ich aber erst morgen ab (müde…).
Sebastian
Hehehehe,
der Klaus flasht sie alle.
denol
ich finds super wenn das thema intelektuell behandelt wird.
Roc
Der Klaus
flippt aus.
^^
Sebastian, bist du etwas Klaus größter Fan? *G*
Sebastian
Nein, aber wir halten in der Redaktion oft Händchen.
sony
das glaub ich auch^^
kraid
Ich würde mal sagen das es durch den Roman nicht mehr Selbstmorde gegeben hat als es ohne den Roman gegeben hätte.
Zwar hat sich wohlmöglich der ein oder andere den Roman als Stilvorlage für sein ableben genommen, aber das ist auch schon alles.
(Nicht nur) In diesem Punkt hat das ganze eine Parallele zu (jeglichen) Medien.
Ich halte es für durchaus wahrscheinlich, das sich ein Ammokläufer “inspirationen” aus Videospielen und Filmen entleihen wird.
Das ist aber nicht das eigentliche Problem, denn der Entschluß zum Ammoklauf oder anderen Gewalttaten hat weitaus tiefgreifendere Beweggründe als zu viele “gewaltverherlichende” Filme und Games.
Es ist vielmehr die Natur des Menschen die in solchen Fällen, in denen Menschen an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden und existenzielle Ängste entstehen sich nicht anders zu helfen weiß.
Es ist die Gleichgültigkeit die wir gegenüber dem Schicksal anderer zeigen, es ist die Gesellschaft an sich die Krank ist, Selbstmord und Gewalttaten sind nur die Symptome.
Ein guter Artzt behandelt die Ursachen und nicht die Symptome.