PS2 Classics:
Shadow of Memories
Eike Kusch, der Held in diesem Adventure, gehört zu der Sorte von Held, welche sich nicht in Form von doofen und deplatzierten Kommentaren hervortun wollen. Er erscheint als verschlossener, reservierter Mensch, der, wenn er Worte formt, sich durch eine präzise und der Situation angepasste Wortwahl und Gedankenbreite auszeichnet. Hier haben wir keinen stereotypen Protagonisten, der dem Klischee eines Videospiel-Helden adäquat entspricht. Eike ist ein authentischer Charakter, in dessen Haut man sich trotz aller Windungen und fatalistischen Ereignisse pudelwohl fühlt.
Von nun ab müsst ihr durch mehrere Zeitzonen reisen (insgesamt gibt es vier Zeitperioden 2001, 1980, 1902, 1580), die allesamt in der Stadt als Hauptschauplatz stattfinden. Denn dem Schicksal ist schwer beizukommmen, müsst ihr doch auf Schritt und Tritt dem unaufhaltsam operierenden Tode immerzu ein intelligentes Schnippchen schlagen. Es erinnert ein bisschen an den Film Final Destination, denn der Tod ist, wenn er sich sein Ziel ausgewählt hat, ständig darum bemüht, den Unglücksfall erfolgreich einzufädeln.
Wenn ihr z.B. auf offener Straße von einem rasant auf euch zurasenden fahrbaren Untersatz erfasst werdet, dann müsst ihr im nächsten Anlauf einen aufbegehrenden Filmregisseur in einer anderen Zeit dazu überreden, einen bestimmten Filmtyp in Angriff zu nehmen, der dann in der Zeit, als euch das Auto mutwillig den Garaus machen möchte, auf einer Litfaßsäule plakativ beworben wird. Habt ihr ihm den richtigen publikumsträchtigen Film vorgeschlagen, so wird dieser in Gestalt der Werbefläche eine Traube von klatschfreudigen Damen anziehen, die den Attentäter mit Blick auf die Menschenmasse abschrecken wird. So habt ihr euch dem fälligen Tode entzogen, nur um dann im nächsten Fall wieder eure Gehirnzellen qualmen zu lassen.
Ständig blitzt der unaufhaltsam auf euch zuschreitende Fatalismus auf. Das Schicksal hat euch fest gepackt und ihr könnt euch nur dank eines Bündnisses mit einem dubios erscheinenden Wesen vor dieser Gefahr retten. Ihr werdet sterben und ihr werdet für jeden Tod eine Ausweichmöglichkeit ausfindig machen müssen. Jede kleinste Handlung kann Jahre später gewaltige Konsequenzen nach sich ziehen (Butterfly Effect), die im Angesicht der Gegenwart noch banal, im weiteren Verlauf aber existentiell anmuten.
Die große Bandbreite an Interaktionsmöglichkeiten mit eurem Schicksal mündet in einer aufgefächerten Anzahl von Finaleinzügen: Insgesamt wartet das Spiel mit 8 Enden auf, die sich unterschiedlich ausnehmen und sich aus der Wahl der Mittel während des Spielverlaufs ergeben. Ich habe selber nur zwei Enden freispielen können bisher, doch wer sich die Mühe macht, alle Endsequenzen freizuspielen, dem wird sich wahrscheinlich eine ganzheitlichere Aufschlüsselung des von Mosaiksteinen durchsetzten Porträts eines Einzelschicksals, das sich auf multiple Personenkonstellationen auswächst, aufschließen. Shadow of Memories sei euch auch heute noch wärmstens ans Herz gelegt, da es dank einer hoch interessanten und philosophisch gefärbten Thematik hochgradig faszinieren kann.
Glaubt ihr an das Schicksal. Steht euer Ende festgemeißelt von Anfang an fest, dem ihr euch nicht entziehen könnt? Was bedeutet Zeit? Welche Auswirkungen kann es haben, wenn man sich aus Eigeninteresse in das komplizierte und komplex aufgefächerte Zeitgefüge hineinbegibt? Egoismus? Wie verantwortungsbewusst muss man sein, um möglichst wenig Schaden für andere Menschen anzurichten? Ist der Mensch überhaupt ein Individuum, das sich losgelöst von anderen Menscheitsschicksalen auf eigene Faust sein eigenes, eigenständiges Leben hämmern kann? Hängt nicht vielmehr alles irgendwie zusammen, ineinander verschachtelt? Haben wir nicht eine Verantwortung auch für unsere Vergangenheit sowie für unsere Zukunft? Fragen über Fragen. Und sie stellen nur einen Bruchteil von der Masse dar, welche euch immerwährend bestürmen wird.
Es ist nicht nur von dekorativem Belang, ob ihr im 16. Jahrhundert einen auf einem Marktplatz werkelnden Gärtner überredet, entweder einen Baum zu pflanzen, oder lieber ein Statue zu errichten, die noch im Jahre 2001 trotz aller Witterungen Bestand hat. Solche Wahlmöglichkeiten schließen bestimmte Ereignisse in der Zukunft auf, welche euch tangieren können. Aus diesem Spiel ist gedanklich einiges herauszureißen. Und es ist mit einer Geschichte gesegnet, die in ihrer Vielschichtigkeit konventionelle Videospiel-Maßstäbe euch heute noch überragt.

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