Warum tun wir uns das eigentlich überhaupt an?

Klaus Schneider, 13. Oktober 2008 22:03 Uhr, 1 Kommentar Kommentare

Selbst in kriselnden, stürmischen Zeiten können wir einer Sache gewiss sein: Im Herbst jeden Jahres ereilt uns ein fußballerisches Duell, das nur einen Sieger kennt. Die Finanzbuchhalter, die sich über in die Baumkronen eines Urwalds hinaufragenden Zahlenkolonnen freuen. Es ist Oktober. FIFA zeigte sich schon in stark verbesserter Form und konnte Boden auf den Genre-Krösus namens ProEvoSoccer gut machen. Doch abseits dieser Detailbesessenheit im Willen der minutiösen Verbesserungsanstalt, das schon Flyer mit der Aufschrift „über xxx Verbesserungen in einem Spiel!“ unter das lechzende und mit Geldscheinen um sich werfende Volk verteilt, regiert ein gewisser Frust in den Reihen der Käufer.

Der jährliche Konkurrenzdruck zeigt sich in der Sparte des Fußball-Genres von seiner diabolischen Fratze. Konkurrenz belebt das Geschäft, wie es abgedroschen heißt. Doch manchmal sehnt man sich nach einer gewissen einseitigen Monopolstellung, die, angenommen wir lieben in der besten der bestehenden Welten, von Moral- und Tugendvorstellungen erster Güte durchdrungen ist und gemäß dieses puritanischen Handlungskatalogs ihr Handwerkszeug rüstet.


ProEvoSoccer wollte sich der gewaltigen Marktmacht der FIFA-Serie schon rein nominell angleichen. Ein Assimilierungsfeldzug nach marktpolitischem und betriebswirtschaftlichem Augenmaß. In extremer Position schlägt sich das dann in schwach aufgebohrten PS2-Versionen nieder, die, mit einer neuen Jahreszahl bestückt, eine enorme Verrenkung mit dem Geodreieck suggerieren, aber am Ende über die Wirkung eines mikroskopisch schwer festzustellenden Anstieg behäbig hinauskommen. Es tut sich ungefähr so viel wie in einem von Kakerlaken und Schimmelpilzen bevölkerten Zimmer, das von verdauungsgepeinigten Ärschen in einem verflüchtigten Aggregatszustand durchlüftet wird, nur um in einem Akt der Erleichterung und Gutwilligkeit von einem Hauch frischer Luft, das durch eine stecknadelkopfgroße Pore dringt, besänftigt zu werden. Die Luft ist abgestanden und man ringt nach Brustfreiheit im Atmungsbereich.
Es tut sich nichts. Das einzige was dahin schwindet, sind die Geldscheine, die erdrutschartig dahinpurzeln, wie bei einem magersüchtigen Patienten, den man im Zeitraffer auf seiner Waage beobachtet. Es wird an einer winzig kleinen Stellschraube gedreht, die eine Aufrüstung hinsichtlich der auf der Verpackung prangenden Jahreszahl hinlänglich rechtfertigt. Die Entwickler fragen sich nicht: „Wie können wir das Spiel perfekter machen?“, sondern: „Wie können wir es anstellen, damit wir die Stellschraube bei der Jahreszeit um eine Ziffer nach oben drehen können, ohne dass die Kunden eine gewisse Stagnation wittern?“.
Jedes Jahr wird von einem „Traum“ gesprochen, dem die Entwickler nachjagen. Und in jedem neuen Herbst können wir einem Interview entnehmen, dass dieser Traum doch noch ein Jahr in der Ferne schwelgt, ja von Stacheldraht abgetrennt, einsam residiert, gleich eines verstockten Insulaners.
Man jagt bestimmten werbewirksamen Lizenzen nach, die einem Anschluss an die oberste Obrigkeit im Verkaufsmarkt gewähren. Man kauft ein von einzelnen Mosaiksteinen übersätes Werk und merkt dann vielleicht im besten Falle, dass man es hier mit einem unvollständigen Flickenteppich zu tun hat. Zeit, die man in die Entwicklung neuer Spielinhalte hätte entwickeln können, versickern im Bemühen, sich mit offiziellen Namensangaben zu brüsten, um der Kundenklientel ein authentisches Fußball-Erlebnis auf die Bildschirme zu zaubern, nur weil man sich schon so weit in den Bundesliga und Champions-League Alltag hineingeschwungen hat, dass man jede anormale Unregelmäßigkeit mit einem überlauten Murren bestraft.
Das eine Jahr, das streng auf eine Jahr sich beschränkende Arbeiten, zwingt Einpferchungen auf. Das Spiel kränkelt unter der mangelnden Zeit, die nun einmal 365 Tage in Umlauf setzt und vom Kalender her gesehen auf ein ultimatives Limit zusteuert.
Aufgrund des polaren Konkurrenzdrucks haut man jedes Jahr ein Fußball-Spiel raus, das sich infolge der zeitlichen Drängung bewusst auf minimale Verbesserungen stützt. Man kauft bewusst einen Flickenteppich und ist schon froh darüber, überhaupt einen Teppich erworben zu haben, auch wenn er sich aus Stofffetzen zusammensetzt, die noch einige Lücken aufweisen.
Man kreuzt Problemchen an, bei denen man in optimistischer Denkungsart davon ausgeht, dass sie das nächste Jahr ausgehebelt werden. Ein jährliches Verbesserungstreiben hin zur Perfektion.
Man könnte grade meinen, man würde das Entwickeln eines Fußball-Spiels subventionieren, das 30 Jahre Entwicklungszeit in Anspruch nimmt. Als Belohnung, dass man Mittel in den Fördertopf einzahlt, erhält man das gütliche Privileg, jedes Jahr eine Testversion zu erhaschen, das einen Einblick in die Entwicklung gewährt.
Die FIFA und ProEvoSoccer geprägte Dichotomie gleicht einem Kalten Krieg, der ein materialzerstörendes Wettrüsten auf sich zieht. Nur anders als in der Realität gibt es hier kein Ende. Die Geheimdienste werkeln weiter, stibitzen und ahmen nach, nur um irgendwann in die Hände der glorreichen Bundeslade zu kommen, in der die einwandfreie, von Konami in Eigenregie entwickelte Physik-Engine ruht, mit der EA dem FIFA-Spross den endgültigen Ritterschlag verabreichen könnte. Doch die Dechiffriermaschinen sind noch nicht weit genug gediehen, um diesem Coup zu ermöglichen.
So bleibt es bei uns, diese Entwicklungshilfe weiterhin mit Fördergeldern zu unterstützen. Konami muss Zeit damit verschwenden, mühsam die Champions League Lizenz zu erwerben, und am Ende wankt sogar die Einbindung von Werder Bremen und dem FC Bayern München. Lizenzstreitigkeiten wohin das Auge reicht.
Doch der Wahn geht weiter. Wann wird der verehrte Seabass seinen Traum verwirklichen können? Wir tippen auf eine zweistellige Jahreszahl. Minimum. Und FIFA wird weiterhin hinterher hecheln, immer den Ass im Ärmel, mit einem lizenzierten Logo und Trikot am Ende als ökonomischer Sieger vom Platz zu watscheln.

Und was passiert am Ende? Am Ende kauft man sich doch eins von beiden. Man braucht den Schuß einfach.

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1 Kommentar zu diesem Artikel

  1. Zerebrator

    schrieb am 14. Oktober 2008 um 08:36 Uhr (#)

    Ich hasse Fußball…


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