Aus aktuellem Anlass:
Der unheilbare Patient

Klaus Schneider, 24. Dezember 2008 16:00 Uhr, 3 Kommentare Kommentare

In unserer wöchentlichen BILD-Kolumne schlüpft ein gefallener Engel in die Rolle des Opferlammes und wird nach allen Regeln der körperlichen Folter auseinander genommen. Eigentlich ist Sonic der tiefgründigste Charakter der Videospiel-Welt. An ihm hätte wahrscheinlich jeder Hobby-Psychologe seine helle Freude.

Sonic im freien Fall
Sonic im freien Fall

Gibt es da draußen in der weiten Welt eigentlich noch Anhänger des blauen Igels? Die auffällige Hautfarbe des Athleten entstammt womöglich keinem mit blauer Farbe besudelten Zeichenbrett, sondern einer aus Frustration, Lebensüberdruss und Depression erwachsenen, exzessiven Kneipentour quer durch Irland. Wie der dickbäuchige Obelix ist Sonic also zeit seines überlangen Lebens mit einem seine Vita peinigenden Stigma ausgezeichnet. Am Beginn seiner feucht-fröhlichen Karriere, als er noch trunken von seinen eigenen flinken Pegasus-Stiefeln einher flitzte, berauschte er sich an seiner eigenen Kraft. Nun liegt diese brach und er erschöpft sich in dem Ausschlürfen eines hochprozentigen Spiritus-Tropfens.

Mein werter Kollege Gerhard zerpflückte Sonic Unleashed fachmännisch und bedachte das Spiel mit einer nunmehr traditionell sonictypischen Kellerassel-Wertung. Weit hinab gefallen bist du, Sonic (nicht Gerhard wohlgemerkt). Und alle krampfhaften Wiederbelebungsunternehmungen sind zum Scheitern verurteilt gewesen. Kurzzeitig zuckte der darbende Patient mal kurz im Krankenbett auf, das von zusehends weniger Besuchern belagert wird, die ehemals ganz nach Woodstock-Manier die Zelte aufschlugen und campierten. Nun bricht die Stammklientel weg und auch die harzige Rinde (sprich die treue Fanschar) verflüchtigt sich sukzessive. Der unheilbare Patient ereilt bald das Unglück, dass er im Gegensatz zu seinem englischen Patient bald keine mildtätige Unterstützung mehr finden wird, die sich in seine verkommene Bruchbude verirrt.

Nach dem verheißungsvollen bzw. gedämpft Mut machenden Wii-Auftritt Sonic and the Secret Rings schien an einem von Wolken infiltrierten Himmel die Sonne auf, doch sie wandte sich gleich wieder ab und wurde vom Mond überlagert – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die Entwickler, die hilflos mit allerlei Skalpellen, Flickzeug und Ultraschall-Geräten jonglierten, zogen den Mond dem Zentralgestirn vor und gaben Sonic die Chance, seinen Alkoholismus wenigstens teilweise auszuleben. Er mutierte zu einem grobschlächtigen, mondsüchtigen, schlafwandlerischen Werwolf der billigsten Sorte, und lebte seinen überschnappenden Selbsthass zur Belustigung aller Spieler aus.

Sonic leidet an einer ausgreifenden Identitätskrise

Er ist sich seiner selbst nicht mehr gewiss und versucht sich an phantasievollen Rollenspielen, die seinen Charakter aber nur fälschlich wiedergeben. Er zieht sich Stiefel über, die ihm nicht passen und bei denen sich die Zehnägel in süffige, blaue Weintrauben verwandeln. Ja kleiner Igel. Du musst zu einem Therapeuten. Ernsthaft. Selbst deine Handwerker, die dich wider deinen Willen immer wieder auf die Rennbahn schicken, pfuschen und geben dir das falsche Rüstzeug mit auf den Weg.

Doch Hoffnung keimt auf: Gerhard hat es ja in seinem Testbericht angesprochen. Die der 3D-Traditionen verhafteten Renn-Einlagen können durchaus überzeugen, während das Grölen und Fuchteln als Werwolf dem Spiel den Spaß austreibt – spitz formuliert. Was haben wir uns vor dem Release nicht für Hoffnungen gemacht. Die Entwickler zeigten sich bußfertig und gelobten Besserung, was sie in der Implementierung von klassischen Elementen zum Ausdruck brachten. Doch warum dann dieses Werwolf-Gedöns? Warum? Ich meine, wenn man mit Sonic schon zig Bruchlandungen hingelegt hat, warum verliert man dann nicht endlich den Mut, experimentell vorzugehen? Ein verunsicherter Charakter sollte sich auf seine Stärken besinnen und tröpfchenweise sein Selbstbewusstsein stärken. Doch Sonic wird tagtäglich zu Herkules-Aufgaben gedrängt, die seinem Zaumzeug nicht adäquat sind.

Gedanklicher Rollentausch

Vertauschen wir einmal kurzerhand die Rollen. Sonic ist Mario. Mario ist Sonic. Sonic reitet auf einer nie abebbenden Erfolgswelle, erfindet das Rad zwar nicht neu, wird aber immer wieder von einem anderen Prinzen aus einem Schlummer wach geküsst. Kurze Eintrübungen werden selbstbewusst beiseite gewischt und mit neuen Schüben an eintröpfelndem Ego befeuert. Das wäre dann das unter Gamer-Kreisen hoch gehandelte Super Sonic Galaxy. In einem wuchtigen Szenario, das das Geäst, das zu einem alten Stammbaum hinüberreicht, geschickt kaschiert und jedwede Trivialisierung (sprich: Einbahnstraßen-Gameplay) übertüncht, lebt er frohlockend auf. Selbst ein Sonic Sunshine, dem eine gewisse Blutarmut attestiert wurde, obwohl es weit mehr Fülle und Substanz aufwies als der direkte Nachfolger, konnte ihn nicht aus dem so unabdingbaren Gleichgewicht bringen. Er balancierte und fiel nicht. Nun hat er sich gefangen und erfreut sich einer grenzenlos, alle Altersgruppen überstrahlenden Beliebtheit.

Mario dagegen, der alte Trunkenbold, hat sich eine blaue Nase angesoffen und suhlt sich in seinem eigenen Kloakenwasser. Nach dem glorreichen Mario Adventure verflüchtigte sich seine bisher gestählte Psyche in alle vier Himmelsrichtungen. Das Erfolgsrezept bröckelte dahin und gewagte Wendemanöver verliefen im Sande. Der Motor sprang nicht mehr an und man versuchte verzweifelt durch skurril anmutende Seitensprünge die Libido wieder anzufachen. Frigide bis zum geht nicht mehr. Diese fehlende Stimulanz gipfelte in den Tönen eines Werwolf-Geheuls, das uns vor lauter Grausen bis ins tiefe Mark erschütterte.

Und wer hätte sich diese abgeänderte Geschichte nicht gewünscht? Wer weiß, vielleich sieht die Welt in einem Paralleluniversum genau so aus. Immerhin ist Sonic zwar als Videospiel-Charakter eigentlich total hirnverbrannt, aber ein aufgedunsener Latzhosen-Träger wie Mario ist noch viel mehr eine Darstellung einer Negativskala des schlechten Geschmackes. Wer hasst ihn nicht. Er hat das wahnsinnige Glück mit guten bis hervorragenden Spielen bekränzt zu werden. Aber als Charakter eignet er sich weniger als ein Pappkarton-Kamerad – nichtssagend und ausdruckslos wie eine transparente Glasssichtfolie. In seinem ganzen Auftritt zeigt sich, was mit einem Menschen passiert, der tagtäglich Routine-Aufgaben bewältigen muss.

Sonic als Sinnbild für ein Finanzsystem alten Formats

Um konkreter zu werden, und um einen krude Zeichen hinpinselnden Gänsekiel beiseite zu werfen, stellen wir mit einem zwinkernden Auge fest: vielleicht ist Sonic gar weniger krisenresistent und dem Wandel der Zeit weniger gefeit. Begründet liegt dies in dem das gemächliche Jump ‘n‘ Run aushebelnde Gameplay, das die Serie einst auszeichnete. Die Serie verlief sich in einem Geschwindigkeitsrausch, der die Würze der Kontemplation beiseite warf und nur noch adrenalingeschwängerte Botenstoffe ausbildete, auf das der Körper irgendwann vor lauter Überdruss nicht mehr reagierte. Ich kann mich noch einigermaßen gut daran erinnern, als ich in einem eher minderbemittelten Sonic-Abenteuer auf dem GameCube an Geschwindigkeit verlor. Inmitten eines Zeitlumpentempos entlarvt sich das ganze absurde Schauspiel, das jedes Warten auf Godot hinsichtlich einer das Leben entlarvenden Absurdität übertölpelte.

Man kann Sonic einfach nicht über 10-20 Stunden lang eine noch so schön herausgeputzte Autobahn entlang flitzen lassen. Doch das in Sonic Unleashed auspolsternde “Rahmenprogramm” das wider der Serien-Wurzeln zur Normalität wuchert, taugt wohl eher weniger als substantielles Füllmaterial. Im für den Dreamcast erschienenen Sonic Adventure wurde diese Balance vielleicht, so lange die Erinnerungen noch nicht trügen, bewahrt, in dem eine Mixtur aus Rasanz und Besinnung gebraut wurde.

Um noch ehrlicher zu werden: Sonic hat derzeit keinen Grund mehr zu leben. Seine Spiele haben nur noch eine künstliche Attitüde verpasst bekommen. Sein ruinöser Lebenslauf materialisierte sich im neuesten Spross. Und wer weiß, vielleicht wird Sonic in der Verkörperung eines Ritters, der mit Schwert die Wii belagert, zum gefeierten Helden einer Artus-Sage. Vielleicht findet er fernab der glorreichen Tafelrunde endlich seinen Heiligen Gral. Wir tippen aber eher darauf, dass er sich sein eigenes Grab schaufelt und bestenfalls auf der sagenumwobenen Insel Avalon als umher huschendes Gespenst sein Dasein fristet, der dem Ex-König als lästige Schweißfliege die überstrapazierten Nerven raubt. Denn immerhin stehen die Chancen gut, dass das Schwert das Äquivalent für den verunglückten Werwolf-Auftritt ist.

Wenn Sonic also mal unbedingt zum Stehen gebracht werden soll, dann gebt ihm bitte ein besseres, forderndes, taktisch geschultes Kampf-System an die Hand.

» Mehr lesen: Sonic and the Black Knight (2), Sonic Team (3), Sonic the Hedgehog (3), Sonic Unleashed (3)

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3 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Gerhard Rohrer

    schrieb am 25. Dezember 2008 um 20:55 Uhr (#)

    Mein Traum: Ein 2D-Sonic in Top-Optik mit Anlehnung an die alten MegaDrive-Klassiker. Es muss nicht immer 3D sein! Hoffen wir das Beste!

  2. Jörg Neißer

    schrieb am 26. Dezember 2008 um 04:25 Uhr (#)

    Dein Traum soll in Erfüllung gehen:

    Fanproject ‘Sonic HD’ in vollem Gange

  3. bastischo

    schrieb am 5. Januar 2009 um 01:19 Uhr (#)

    Mein Traum: Sonic Adventure 3 Battle

    Der 2te Teil der Adventure Serie ist mein absoluter Topfavorit. (habe fast alle anderen 3D-Sonics gespielt)


1 Trackback

  1. Review / Test: Sonic und der Schwarze Ritter » gamgea.com
    (13. Mai 2009 17:35)

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