Lost Odyssey:
Rosamunde Pilcher “Only on Xbox 360″

Klaus Schneider, 6. Januar 2009 19:49 Uhr, 4 Kommentare Kommentare

Man kennt es: Bei einer laufenden, günstig erscheinenden Ebay-Auktion wird kurzerhand mitgeboten. So landete Lost Odyssey auf meinem Schreibtisch.

Dahin plätschernde Auktionen haben es in sich. Es befällt einen immer ein schlechtes Gewissen, denn die Aussichten auf einen Erfolg bei einem kümmerlichen Einsprengsel erscheinen eher gering. Und dann, wenn die Stunde geschlagen hat, wird man überraschend zum Sieger gekürt. Zwar ist die Freude über einen überraschend günstigen Erwerb präsent, doch irgendwie beißt einen immer noch das Gefühl unnötiger, unplanmäßiger Ausgaben, mit der sicheren Erwartung, zusätzliche Stunden an der Konsole zuzubringen, denen man schon im Voraus nachtrauert (das leidige Schicksal eines zum Erwachsenen mutierten Videospiel-Konsumenten). Ganz anders bei Lost Odyssey.

Was soll ich sagen: Das Final Fantasy der Xbox 360 kann dich wirklich an der Gurgel packen! Wie man es eben von JRPGs gewohnt ist, so ist auch dieser Genre-Vertreter mit einer sich übergießenden Melodramatik bepackt. Ausladende Zwischensequenzen und zwischendurch das leidige rundenbasierte Exekutieren wild gewordener Monsteranstürme – mit dem flauen Magengefühl von aufpoppenden, zufallsgenerierten Kämpfen (arghhh welch falsch verstandene Traditionsbesessenheit!)

Doch dann zündet das JRPG im besten Stile eine stilistische Meisterleistung. Aus einer bonbonfarbenen Geburtstagstorte, mit unzähligen Sahnehäubchen bekrönt, platzen die weltberühmten Niagarafälle heraus, die den Spieler zu Tränen rühren, aufgrund ihrer gewaltigen, stoßkräftigen, senkrecht verlaufenden Stromschnellen. Sie treiben einem das Wasser aus dem Körper, bis man entkräftet, vor den eigenen Gefühlen übermannt, an einer letal verlaufenden Dehyrdrierung, Qualen erduldend, zugrunde geht. Das Spiel entfach ein rührseliges, an die Türe der seligen Romantik pochendes Epos im Stile von Rosamunde Pilcher, die sich wohl in das sagenhafte Videospiel-Medium verirrte.

Und das Schönste? Man fühlt mit. Man fühlt sich von einem wild tosenden Tränenmeer umspült, in dem man zu ertrinken droht. Selbst Waterboarding dürfte weniger qualvoll sein. Sensible Naturen sitzen vor dem Fernseher, sehen eine um ein Bett zusammengedrängte Menschenmenge, die sich in wehmutsvoller Stimmung einem von Tränen erstickten Jammergeschrei hingibt. Die Sirenen der Schwermut. Wenn sich dann noch beim Spieler selber traurig stimmende Gefühlsanklänge aufstauen, dann schlägt sich das Wimmern und Heulsusen-Gehabe durch die Mattscheibe durch und durchflutet das ganze, bisher trocken gebliebene Zimmer. Eine Sensationsflut biblischen Ausmaßes!

“Nicht-Insider” dürften wahrscheinlich keine Ahnung haben wovon ich schreibe. Sie dürften sich schon im Voraus angewidert abgewandt haben (endlich sind wir unter uns Kollegen). Doch diejenigen, die Lost Odyssey bis zu den ersten zehn Stunden angeknabbert haben, dürften vielleicht ahnen (oder gar wissen) wovon ich rede. Ich sage nur Beerdigung. Schiffsfahrten. Seidene Fäden, die die Toten von den Lebenden trennen. Anrührend. Herzergreifend. Man spürt förmlich, dass sich vor den eigenen Augen etwas unverschämt Schmieriges abspielt, aber man kann sich dieser Aufwallung von einströmenden Gefühlen trotz Kitsch nicht erwehren. Irgendwie pocht doch in jedem Menschen ein von Gefühlsduselei ab und zu überwältigter Dammbruch.

Da fragt man sich dann plötzlich: Warum können nur JRPGs glaubhafte Charaktere an die Leinwand pinseln? Warum finden wir nur hier endlich einmal einigermaßen griffige Charaktere? Und warum muss das dann oftmals in einer Leveltretmühle stupiden Ausmaßes enden, bei der man vor lauter Aufleveln und Zufallskämpfen ermattet niederfällt? Warum die umrahmende Tortur? Aber irgendwie will man sich einfach durchbeißen. Denn nach jedem Biss in den sauren Apfel entpuppt sich der Kern als honigsüßer Mandelkern, der einen in Verzückung geraten lässt.

Von dem her eine von emotionalen Dammbrüchen und Gefühlsaufstauungen durchwirkte Dankesrede an Lost Odyssey. Und ein besonderer Dank gebührt den perfekt sitzenden Haarsträhnen!

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4 Kommentare zu diesem Artikel

  1. ...

    schrieb am 6. Januar 2009 um 20:27 Uhr (#)

    Wirklich sehr schön geschrieben. Ich habe zwar kurz nach dem Anfang von Lost Odyssey aufgehört zu spielen, aber nach dem Lesen dieses Artikels werde ich das Spiel noch einmal rauskramen.

  2. Tojama

    schrieb am 6. Januar 2009 um 21:20 Uhr (#)

    Ich hab mir das Spiel auch letztens besorgt und habs auch vor kurzem durchgespielt.
    Das Spiel gehört zu den Top 3. der besten RPG’s überhaupt!

  3. Klaus Schneider

    schrieb am 6. Januar 2009 um 22:37 Uhr (#)

    Schön zu hören! Bin jetzt mittlerweile bei Stunde 20. Wundere mich selbst über meine Resistenz gegenüber “Zufallskämpfe & Co.”

    Was nimmt man für eine einigermaßen schöne Geschichte nicht alles in Kauf…

  4. eichohrkatze

    schrieb am 7. Januar 2009 um 05:24 Uhr (#)

    JA! Lost Odyssey ist ein gutes Stück Software! Ohne dieses Spiel (und nebenbei Rez HD) währe ich wohl nicht so Stolz auf meine 360! :D


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